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Selbstkritischer Humor

Seite 8

Selbstkritischer Humor

VON ARMIN HENNIG

Vöhl - „Jüdischer Humor statt Judenwitze“: Auf diese Unterscheidung legte der Vorsitzende des Förderkreises, Karl-Heinz Stadtler, bei der Einführung ins erstmals veranstaltete Lachcafé in der Alten Synagoge in Vöhl wert.

Johannes Grötecke unterhielt bei der Veranstaltung sein Publikum nicht nur mit über 50 Witzen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Der Lehrer an der Alten Landesschule bettete die treffsicheren Pointen über die aktuelle Notlage, das Verhältnis zu Gott oder der Ehefrau in den historischen und kulturellen Kontext ein. Im Verlauf seines Programms zitierte er auch immer wieder Definitionen und Reflexionen über die spezifischen Qualitäten des keineswegs konfrontativen, sondern durchaus selbstkritischen Humors.

Die ansprechendste Charakterisierung stammte von Paul Spiegel, dem ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Jüdischer Humor war und ist die schönste Waffe einer Minderheit, unser Humor tötet nicht.“

Zweitausend Jahre Diaspora angefüllt mit Versuchen der Assimilation und Erfahrungen der Vertreibung hätten ebenso zur Entwicklung beigetragen wie das Verhältnis zur Religion und ihren Traditionen, so Johannes Grötecke. Mit der Reaktion auf Verfolgung im Dritten Reich und unter Deutscher Besatzung stand ein ebenso schreckliches wie prominentes Kapitel am Anfang: „Jetzt sind wir vom Zeitalter der Furcht in das der Hoffnung übergetreten“, hatte ein frisch ins „Abwanderungslager“ Drancy* eingelieferter französischer Jude seinen Humor unter dem Eindruck verschärfter Bedrohung nicht verloren. Von insgesamt 65 000 Insassen des Transitlagers über das auch etliche Vöhler Juden nach Auschwitz geschleust wurden, entgingen gerade mal 2000 der Vernichtung, unterstrich der Experte für Humor und Holocaust den finsteren historischen Hintergrund.

In einem Emigrantenwitz hing in der guten Stube eines rechtzeitig nach New York ausgewanderten Mannes, der als Deutscher aufgewachsen und sozialisiert war, ein Hitlerbild gegen Heimweh.

Aber auch die Reaktionen auf die durchweg schlechte Versorgungslage im Sozialismus waren für einen Witz gut: Denn beim Anstehen für eine frische Fleischlieferung in Moskau wurden die Juden als erste Gruppe als nicht länger berechtigt weggeschickt. Als im Laden am Ende des Tages gar keine Ware eintrifft, fühlen sich die enttäuschten Apparatschicks in ihrem Vorurteil bestätigt, dass die Juden mal wieder bevorzugt wurden, weil man sie zuerst weggeschickt hatte.

Auf seinem Weg zwischen den politischen Extremen kamen auch Versuche zur Sprache, den lieben Gott und seine Speisegebote, bzw. die strengen Richter im Alltag, auszutricksen. In einigen Fällen spricht Gott sogar mit Alltagsweisheit zu den Betern, etwa zum Pleitier Rubinstein. Denn dieser betet so lange jeden Freitag um einen Lottogewinn, bis der Allmächtige darauf verweist, dass bis jetzt jede Grundlage für die Erfüllung der Gebete fehle und den verarmten Frommen auffordert: „Kauf dir erst mal einen Lottoschein.“

„Das Lachcafé war ein launiger Nachmittag“, zog Stadtler eine positive Bilanz und ergänzte: „Meine Kollegen vom Vorstand waren mit der Veranstaltung auch sehr zufrieden. Als regelmäßigen Termin wie die beiden Literaturcafés werden wir es zwar nicht im Kalender etablieren, aber immer mal wieder einen überwiegend heiteren Nachmittag anbieten.“

 Lachcafé
 
Pointen im Kontext: Johannes Grötecke unterhielt sein Publikum in der Vöhler Synagoge. Foto: ©Armin Hennig
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Hennig, Armin
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